[Rezension] Therapie-Tools: Psychoonkologie

by - November 21, 2020

(© Beltz Verlag)

Therapie-Tools: Psychoonkologie*

von Christa Diegelmann, Margarete Isermann & Tanja Zimmermann

Bewertung: ★★★★☆

Nonfiction, Psychology, 286 Seiten
Erscheinungsdatum: 07. Oktober 2020
Verlag: Beltz


*Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den Beltz Verlag.

Inhaltsangabe:
Krebs gehört zu den häufigsten Erkrankungen bei Erwachsenen, jedes Jahr erkranken ca. 500.000 Menschen neu. Die Anzahl der Personen, die mit einer Krebserkrankung leben, wächst und liegt bei ca. 4 Millionen »Cancer Survivors«. Allerdings kann die Erkrankung mit erheblichen körperlichen und psychosozialen Folgeproblemen einhergehen: Viele sind subjektiv psychisch stark belastet oder weisen eine psychische Störung auf. Die Psychoonkologie bietet evidenzbasierte Interventionen für Erkrankte und ihre Angehörigen, die die psychische Belastung reduzieren und die Lebensqualität verbessern können. Um Krebsbetroffene und auch Angehörige optimal unterstützen und behandeln zu können, bietet dieser Therapie-Tools-Band über 120 innovative und evidenzbasierte Arbeitsmaterialien für die psychoonkologische Versorgung.

Meine Meinung:

Wie ich an der einen oder anderen Stelle bereits erwähnt hatte, arbeite ich als Psychologin und lese immer wieder psychologische Fachbücher, die ich für meine Arbeit verwenden kann. Nun habe ich zum ersten Mal vom Beltz-Verlag ein Fachbuch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, auf das ich hier näher eingehen möchte. Die Bücher des Verlags eignen sich nicht nur für Psycholog:innen oder Psychotherapeut:innen, sondern auch für Fachpersonen aus anderen Berufsgruppen im sozialen Bereich oder Gesundheitswesen oder aber auch für Laien, die sich einfach für die menschliche Psyche und Psychotherapie interessieren.

Der Beltz-Verlag hat eine Reihe, die sich "Therapie-Tools" nennt und sich mit jedem Buch auf einen anderen thematischen Schwerpunkt fokussiert. Die Bücher sind mit vielen praktischen Übungen und Arbeitsblätter ausgestattet, die u.a. in der Psychotherapie eingesetzt werden können. Da ich vor kurzem meine Stelle gewechselt habe und auch im Bereich der Psychoonkologie tätig bin und dadurch Menschen begleite, die an Krebs erkrankt sind, war ich sehr neugierig auf das kürzlich erschienen Therapie-Tools Buch zum Thema "Psychoonkologie". Ich bringe in diesem Feld keine Erfahrungen mit und das Buch war deshalb wie ein rettender Anker für mich, um eine erste Idee dafür zu bekommen, welche Themen oder Interventionen ich mit meinen Patient:innen besprechen oder durchführen könnte.

Das Buch ist so gegliedert, dass die ersten Kapitel einen theoretischen Einstieg in das Wissensgebiet der Psychoonkologie bieten, und den Leser:innen die wichtigsten Grundbegriffe bei der Krebsbehandlung auf kurze und verständliche Weise näherbringen. Anschliessend folgen einige grundlegende Empfehlungen für die Gesprächsführung, die in der psychoonkologischen Begleitung hilfreich sind. In einem weiteren Kapitel sind schliesslich einige Fragebögen zur Diagnostik enthalten, die man bei Bedarf mit seinen Patient:innen anwenden kann. Ich hatte den Eindruck, dass es dem Autorenteam sehr gut gelungen ist, die wichtigsten Grundlagen in der psychoonkologischen Arbeit zu vermitteln.

Die weiteren Kapitel fokussieren sich auf verschiedene Themen, die in der Psychoonkologie in den Vordergrund treten können. Eines dieser Themen ist die Verbesserung der Selbstfürsorge, die im Buch durch Interventionen zur Ressourcenaktivierung und zur Verbesserung der Resilienz (= d.h. der psychischen Widerstandskraft, Krisen bewältigen zu können) abgedeckt wird. Besonders hilfreich fand ich die Anleitungen für Entspannungsübungen, sowie auch die Anleitungen für kurze und praktische Übungen, die u.a. zur Stressbewältigung eingesetzt werden können. Ich habe viele der Übungen direkt in den Sitzungen mit den Patient:innen ausprobiert und ihnen die entsprechenden Arbeitsblätter anschliessend zum regelmässigen Einüben als therapeutische Hausaufgabe mitgegeben.
Auch die weiteren Kapitel decken viele wichtige Themen bei Krebspatient:innen ab und können bei  Bedarf angewendet werden. So findet man zum Beispiel hilfreiche Tipps und Übungen für Interventionen (nicht nur) für das Lebensende, die sich mit Ängsten und Sorgen zum Thema Sterben beschäftigen, und auch Interventionen für Paare und minderjährige Kinder als Angehörige. Gerade bei letzterem steht vor allem die Frage im Vordergrund: Was und wie viel erzähle ich meinen Kindern von meiner Krebserkrankung?
 
Thematisch ist also wirklich eine gute Mischung aus den wichtigsten Themenbereichen enthalten, die mir vor allem jetzt zu Beginn meiner Arbeit in der Psychoonkologie als gute Orientierungshilfe gedient hat und mir gezeigt hat, welche Anliegen die Patient:innen möglicherweise mitbringen könnten und wie ich ihnen konkrete Hilfestellungen im Umgang mit den Belastungen mitgeben könnte.
 
Obwohl das Buch einerseits ein gutes Grundlagenbuch darstellt, hatte ich aber auf der anderen Seite manchmal das Gefühl, dass man ein gewisses Vorwissen mitbringen muss, um einige der Übungen vollumfänglich durchführen zu können. Ein Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht, ist zum Beispiel die bilaterale Stimulation (BLS) die in der traumaspezifischen Psychotherapie, speziell in der EMDR Verwendung findet. Sehr vereinfacht erklärt sollen die Patient:innen mittels angeleiteter Augenbewegungen, (die denen des REM-Schlafs ähneln), dabei unterstützt werden, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und sie anders, als bisher, in ihrem Gehirn abzuspeichern, damit sie  nicht mehr (ein so starkes) Stresserleben auslösen. Die BLS wird auch in vielen der hier im Buch enthaltenen Übungen integriert. Es wird zwar auf einer Seite erläutert, was es mit BLS auf sich hat und auch erklärt, dass man die Patient:innen bei einigen der Übungen anleiten soll, abwechselnd links und rechts aufs Knie zu tippen, um vor allem die positive Wirkung der Übungen besser zu verankern, aber irgendwie fand ich das für mich als absoluter EMDR-Laie trotzdem zu wenig, um es in der Realität mit den Patient:innen auch tatsächlich durchzuführen. Spätestens, wenn eine:r der Patient:innen eine genauere Erläuterung davon haben möchte, warum dieses "auf das Knie tippen" helfen soll, würde ich relativ schnell in Erklärungsnot geraten, da mir aufgrund meiner fehlenden EMDR-Weiterbildung schlicht und ergreifend das theoretische Vorwissen fehlen würde, die Wirkungsweise dieses Behandlungsansatzes so erklären zu können, damit es wirklich Sinn ergibt und ich gleichzeitig auch dahinterstehen könnte.
Das Gleiche gilt auch für die Behandlungsansätze mit Ego-States oder TRUST, die beide immer wieder im Buch erwähnt und integriert wurden. Auch hier hatte ich den Eindruck, dass man ein entsprechendes Vorwissen mitbringen muss, damit man die Übungen auch richtig durchführen kann und man für allfällige Fragen gewappnet ist, die die Patient:innen dazu stellen könnten.

Es ist zwar auf der einen Seite schön zu sehen, dass sich die psychoonkologische Arbeit mit vielen anderen Therapieansätzen verbinden lässt, aber trotzdem fand ich, dass die Erläuterungen des Autorenteams nicht ausreichend sind, damit mal als Psycholog:in die theoretischen Grundlagen der einzelnen Behandlungssätze verstehen und die Übungen adäquat umsetzen kann. Das ist eigentlich auch mein Hauptkritikpunkt an dem Buch, das dazu geführt hat, das ich einen Stern abziehen musste.

Fazit:

Ich bin ein grosser Fan der "Therapie-Tools" Reihe des Beltz-Verlags, der vor kurzem ein Buch aus der Reihe zum Thema "Psychoonkologie" herausgebracht hat. Als Einstieg in die Thematik deckt dieses  Buch die wichtigsten Themenschwerpunkte in der psychoonkologischen Arbeit ab und dient als eine gute Orientierungshilfe für Psycholog:innen wie mich, die neu in diesem Feld tätig sind. Viele der Arbeitsblätter und praktischen Übungen waren leicht verständlich und haben bereits Verwendung in meiner Arbeit gefunden. Der einzige grössere Kritikpunkt betrifft der Umstand, dass das Buch aus meiner Sicht theoretisches Vorwissen von Behandlungsansätzen mit BLS/EMDR, Ego-States und TRUST verlangt und sich viele Übungen ohne die entsprechende Weiterbildung oder zumindest zusätzlich vertiefende Auseinandersetzungen und Literatur, nicht adäquat umsetzen lassen. Hier hätte ich mir eher noch mehr Interventionen und Übungen gewünscht, die sich ohne Vorwissen in spezifischen Behandlungsansätzen umsetzen lassen. Aber insgesamt handelt es sich dennoch um ein hilfreiches und empfehlenswertes Buch, das sich vor allem für Berufsanfänger:innen im Bereich der Psychoonkologie eignet und einem viele praktische Werkzeuge mit an die Hand gibt. Von mir gibt es 4 Sterne.

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4 Kommentare

  1. Ich mag die Therapie-Tools Reihe sehr und arbeite häufig mit den Büchern. Nicht immer komplett und auch nicht mit jedem Teil und Arbeitsblatt, aber auszugsweise schon. Gerade am Anfang der Psychotherapie-Weiterbildung haben mir diese Bücher auch echt gut geholfen, überhaupt erstmal einen Eindruck zu bekommen, in welcher Reihenfolge und wann man in der Therapie was tun kann und sollte. Auch für die Therapieanträge geben die Bücher gute Vorschläge für die Therapieplanung. Dieses Buch zur Psychoonkologie kenne ich bisher nicht, habe aber beruflich auch wenig bis gar nichts mit Psychoonkologie zu tun. Aktuell liebäugele ich mit dem neuen Teil "Störungsmodelle", weil ich glaube, dass da echt gute Hinweise und Tipps drin sind.

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    1. Ja, mir geht es ganz genauso. Ich muss hier in der Schweiz ja keine Therapieanträge schreiben, aber schön zu hören, dass es auch dafür hilfreich ist. Ich lese die Bücher normalerweise nicht von vorne bis hinten durch, sondern nutze sie eher als Nachschlagewerke, wenn ich nach ganz konkreten Übungen zu einem bestimmten Thema suche. Ich freestyle meistens immer etwas, was die Reihenfolge angeht :D Also eher im Sinn, dass ich vieles auslasse oder überspringe, wenn es nicht gerade zum Gespräch passt. Kommt aber natürlich auch immer auf die Diagnose an. :D
      Das "Störungsmodelle" kenne ich noch gar nicht, das muss ich mir mal genauer anschauen! Ich erarbeite aber eher selten wirklich ausführlich Erklärungsmodelle mit den Patient:innen, aber ich schau mal, ob es trotzdem etwas für mich sein könnte. :) Danke für den Tipp!

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    2. Naja, hier in Deutschland braucht man eben für die besagten Therapieanträge schon gute und plausible Störungsmodelle, mit denen Gutachter und Co. dann auch zufrieden sind, weil sie schlüssig wirken. Mit den Patienten bespreche ich das in der Ausführlichkeit manchmal, aber nicht immer.
      Ich arbeite übrigens auch eher so "freestyle" und mache nicht immer alles in der vorgeschlagenen Reihenfolge, sondern eher so, wie es halt mal thematisch gerade gut passt.

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    3. Achso, echt? Okay, dann finde ich so ein Buch wirklich praktisch. Das muss man hier zum Glück nicht machen. Ich hatte jetzt auch viele Patient:innen, die aus meiner Sicht gar keine Diagnose haben, dafür aber trotzdem einen grossen Leidensdruck aufgrund psychosozialer Belastungsfaktoren, da schreib ich dann einfach Anpassungsstörung oder eine depressive Episode hin. Da wüsste ich echt nicht, wie ich da noch Störungsmodelle hinbekommen sollte :o Aber interessant, wie unterschiedlich das in D und hier in der CH ist. Wobei man dazu sagen muss, dass wir Psycholog:innen leider auch noch nicht Krankenkassen anerkannt sind, das ist in D glaube ich anders? Wir kämpfen hier seit Jahren dafür. :/

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