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between the lines.

(© Goldmann Verlag)

Meine wunderbare Frau*
von Samantha Downing

Bewertung: ★★★☆☆

Psychothriller, 464 Seiten
Erscheinungsdatum: 23. September 2019
Verlag: Goldmann


*Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den Goldmann Verlag.

Inhaltsangabe:
Unsere Geschichte ist wie die von vielen anderen. Ich bin einer wunderbaren Frau begegnet. Wir haben Kinder bekommen und sind in die Vorstadt gezogen. Wir haben uns von unseren größten Träumen und unseren dunkelsten Abgründen erzählt. Und dann ist uns langweilig geworden. Wir sehen aus wie ein ganz normales Paar. Wir sind die netten Nachbarn, zu denen die Kinder zum Spielen kommen und die man gerne zum Essen einlädt. Aber wir haben ein Geheimnis, um unsere Ehe lebendig zu halten. Eine ganz besondere Vorliebe. Eine, die uns die Macht gibt, über Leben und Tod zu entscheiden ... (© Goldmann Verlag)

Meine Meinung:

Auf "Meine wunderbare Frau" bin ich aufgrund der vielen positiven Meinungen und guten Bewertungen auf Goodreads aufmerksam geworden. Das Buch ist ein Debütroman von Samantha Downing und erzählt die Geschichte eines Ehepaars, das ein etwas ungewöhnliches Eheleben führt. Um ihre Ehe aufregend zu halten, haben die beiden Eheleute nämlich irgendwann damit begonnen, Frauenmorde zu verüben - und ihren Spass daran zu finden.
Diese sehr frühe Enthüllung hat bei mir anfänglich eine Mischung aus Schock und faszinierendem Interesse ausgelöst. Man verfolgt die Geschichte durch die Augen des Ehemanns, dessen wahren Namen wir nie erfahren. Er befindet sich gerade auf der Suche nach dem neusten Opfer und gibt sich als einen Mann aus, der Tobias heisst und taub ist. Sobald er sich für eine Frau entschieden hat, plant er sie gemeinsam mit seiner Frau umzubringen. Und da sie ein Opfer von vielen sein soll, hat sich das Ehepaar einen gerissenen Plan überlegt, um einen potenziellen Täter zu kreieren, der die Spur von ihnen wegführt. Sie lassen einen ehemaligen Serienmörder wiederaufleben, der vor Jahrzehnten in derselben Vorstadt gemordet hat, aufgrund eines Formfehlers bei den Ermittlungen jedoch wieder auf freien Fuss gesetzt wurde. Seither ist dieser Serienmörder untergetaucht. Perfekt also, um so zu tun, als wäre der besagte Serienmörder zurückgekehrt und ihm die Schuld an den Morden in die Schuhe zu schieben.
Das Buch handelt allerdings nicht nur von diesen Morden, sondern zeigt auch einen Einblick in das Familienleben des Ehepaares. Die beiden haben zwei Kinder: Rory, einen Sohn im Teenageralter und eine etwas jüngere Tochter, Jenna. Beide Kinder fordern die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf eine ganz eigene Art. Während Rory sich aktuell in einer rebellischen Phase befindet und sich nachts heimlich zu seiner Freundin schleicht, leidet Jenna seit längerem an chronischen Bauchschmerzen. Als die Medien schliesslich verkünden, dass ein bekannter Serienmörder zurückgekehrt ist und einen neuen Mord angekündigt hat, kommt bei Jenna noch eine unsäglich Angst vor diesem Mann hinzu, der dazu führt, dass sie ein Messer mit sich trägt. Die Eltern geraten damit in ein Dilemma, denn einerseits wollen sie, dass es ihrer Tochter besser geht und andererseits sind genau sie der eigentliche Auslöser für die neu aufgekommenen Ängste von Jenna.
Dies alles führt dazu, dass der Ehemann sein Leben zwischen Familie und Morden jonglieren muss. Gleichzeitig hat er noch einige Geheimnisse vor seiner Frau, die er um jeden Preis verheimlichen will und zusätzliche Anstrengung verlangen, damit sie nichts davon erfährt.

Die Idee hinter dem Buch hat mich ein bisschen an "Gone Girl" erinnert, das ebenfalls die Geschichte eines Ehepaares erzählt, die nicht so sind, wie sie zunächst den Anschein machen. Was mir bei diesem Vergleich aber bei "Meine wunderbare Frau" gefehlt hat, waren die Einblicke in die Psyche der beiden Hauptcharaktere, die für mich wichtig gewesen wäre, um ihr Verhalten und ihre Mordlust zu verstehen. Mir hat sich bis zuletzt nicht ganz erschlossen, warum die beiden Spass am Morden finden und inwiefern das wichtig für ihr Eheleben ist. Dass die beiden einfach "nur" Psychopathen sind, reicht mir als mögliche Erklärung nicht, zumal sich das zumindest beim Ehemann beisst, der durchaus in seiner Vaterrolle fähig ist, Empathie zu empfinden. Gleichzeitig fand ich es sehr unglaubwürdig, dass einer der beiden irgendwann die Idee hatte: "Komm, lass uns doch jemanden umbringen" und der andere begeistert zugestimmt und mitgemacht hat? Aber scheinbar ist genau das hier passiert.
Durch diese fehlenden Hintergrundinformationen bleiben die Charaktere bis zuletzt sehr blass. Hier hätte man sicher mehr aus der Idee machen können, was die Handlungen der beiden Ehepartner für mich nachvollziehbarer gemacht hätte. 

Zwei Drittel des Buches befassen sich mit der Planung des neusten Mordes, sowie dem Vertuschungsversuchs des Ehepaares. Doch den beiden läuft ein Fehler und irgendwann droht ihr Lügengebilde zusammenzubrechen. Just als das passiert, wartet die Autorin mit einer überraschenden Wendung auf, dass eines der beiden Ehepartner in ein anderes Licht stellt. Und dieser Plot Twist kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn der Mittelteil des Buches begann mich allmählich zu langweilen, weil irgendwie nichts Nennenswertes passiert war. Der Schlussteil konnte mich dann wieder packen und ich wollte wissen, was für ein Ende sich die Autorin ausgedacht hat, nachdem ihre beiden Protagonisten in eine so prekäre Situation geraten sind. Und was soll ich sagen? Gerade der Schlussteil enthält einfach viele Logikfehler, die das Ende für mich insgesamt unglaubwürdig und konstruiert gemacht haben. Weil ich keine Spoiler verraten will, muss ich hier sehr vage bleiben, aber es gab viele Details, die bei genauerem Hinschauen einfach keinen Sinn ergeben haben. Und das hat mich etwas enttäuscht zurückgelassen.

Was den Schreibstil angeht, so merkt man deutlich, dass es sich um das Erstlingswerk der Autorin handelt. Die Erzählung ist sehr simpel und stellenweise eher oberflächlich gehalten. Dadurch liest sich das Buch sehr schnell, aber insgesamt hat mir dadurch leider auch die Charaktertiefe gefehlt. Hier ist sicher noch Luft nach oben.

Fazit:

"Meine wunderbare Frau" ist das Debüt von Samantha Downing, das Einblick in das Leben eines mordenden Ehepaares gibt. Die Idee erinnert ein bisschen an "Gone Girl", was mir durchaus gefallen hätte, leider hapert's es ein bisschen an der Umsetzung. Neben den vielen Logiklücken hat mir insbesondere der Tiefgang gefehlt, der die Abgründe der menschlichen Psyche unserer Protagonisten genauer beleuchtet hätte. Insgesamt eine gute Idee, deren Umsetzung und vor allem Auflösung am Ende sehr konstruiert und unglaubwürdig gewirkt hat. Für dieses Debüt gibt es von mir 3 Sterne.
Keine Kommentare
(© Amazon / Droemer Verlag)

Der Insasse
von Sebastian Fitzek

Bewertung: ★★★★☆

Thriller, 371 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2018
Verlag: Droemer eBook


Inhaltsangabe:
Ein vermisstes Kind - ein verzweifelter Vater - ein Höllentrip ins Innere der Psychiatrie

​Zwei entsetzliche Kindermorde hat er bereits gestanden und die Berliner Polizei zu den grausam entstellten Leichen geführt. Doch jetzt schweigt der psychisch kranke Häftling Guido T. auf Anraten seiner Anwältin. Die Polizei ist sicher: Er ist auch der Entführer des sechsjährigen Max, der seit drei Monaten spurlos verschwunden ist. Die Ermittler haben jedoch keine belastbaren Beweise, nur Indizien. Und ohne die Aussage des Häftlings werden Max' Eltern keine Gewissheit haben und niemals Abschied von ihrem Sohn nehmen können.

Drei Monate nach dem Verschwinden von Max macht ein Ermittler der Mordkommission dem verzweifelten Vater ein unglaubliches Angebot: Er schleust ihn in das psychiatrische Gefängniskrankenhaus ein, in dessen Hochsicherheitstrakt Guido T. eingesperrt ist. Als falscher Patient, ausgestattet mit einer fingierten Krankenakte. Damit er dem Kindermörder so nahe wie nur irgend möglich ist und ihn zu einem Geständnis zwingen kann.

Denn nichts ist schlimmer als die Ungewissheit.
Dachte er.
Bis er als Insasse die grausame Wahrheit erfährt ...  (© Amazon / Droemer Verlag)

Meine Meinung:

Sebastian Fitzek bleibt sich auch in seinem neusten Werk treu, das im vergangenen Herbst erschienen ist, und wählt als Schauplatz seines neuen Psychothrillers eine geschlossene psychiatrische Anstalt, in der sich straffällige Patienten befinden. Protagonist in "Der Insasse" ist Till, ein Familienvater, dessen Sohn vor einem Jahr verschwunden ist. Nachdem der vermeintliche Täter Guido T. gefasst werden konnte, Max Leiche aber nach wie vor nicht gefunden wurde, macht Till es sich zur Aufgabe, Guido T. zu einem Geständnis an der Entführung seines Sohnes zu bringen, um so endlich Gewissheit zu bekommen, was mit Max geschehen ist.
Sein Plan sieht vor, dass sein Schwager - ein Polizist - ihn durch die Übernahme einer anderen Identität in die Psychiatrie einweist. Doch der Plan weist von Anfang an viele Stolperfallen auf: Ist Till erst einmal in der Psychiatrie drin, dann ist er auf sich alleine gestellt. Dennoch lässt er sich nicht von seiner Idee abbringen und als er, getarnt als Patrick Winter, tatsächlich erfolgreich in die Psychiatrie eingeschleust werden kann, muss er bald feststellen, dass er keine Ahnung hat, wie er an Guido T. herankommen soll, sondern auch, dass seine gefälschte Identität nicht das ist, was anfangs geglaubt hatte.

Wenn ihr jetzt denkt: Dieser Plot ist doch total hanebüchen! Dann liegt ihr damit richtig, denn das ist er auch. Man darf die Story keinesfalls zu sehr hinterfragen, denn man wird bestimmt zig Ungereimtheiten und Logiklöcher finden. Und obwohl die Handlung haarsträubend und absurd ist, hat es Fitzek doch einmal mehr geschafft, mich mit seinem Schreibstil zu packen. Ich kann es einfach nur bei jedem seiner Bücher wiederholen: Der Mann kann schreiben und weiss, wie man einen guten Spannungsbogen aufbaut. Jedes Mal, wenn ich eines seiner Bücher lese, kann ich es gar nicht mehr aus der Hand legen. Jedes Kapitel endet so spannend, dass man einfach umblättern und weiterlesen muss. Die Story ist da für mich nur zweitrangig. Ich habe mich inzwischen an Fitzeks teilweise sehr weit hergeholte Plots gewöhnt und habe mich dadurch ganz einfach von der Handlung berieseln lassen, ohne sie diesmal zu sehr in Frage zu stellen.
Nachdem ich nun einige Thriller des Autors gelesen habe, fiel es mir bei "Der Insasse" überraschenderweise leichter, mich in Fitzeks Denkweise hineinzuversetzen. Während dem Lesen habe ich mir natürlich Gedanken darum gemacht, was eigentlich genau vor sich geht und habe mit meinen Vermutungen gar nicht mal so falsch gelegen. Natürlich hat es geholfen, dass ich das Buch sehr aufmerksam gelesen habe und mir dadurch Fitzeks Hinweise auf die Auflösung, die er immer wieder miteinfliessen lässt, nicht entgangen sind.
Das Buch endet, wie gewohnt in einem spannenden Finale und wird - wie nicht anders zu erwarten - mit einer sehr weit hergeholten Erklärung aufgelöst, die aber ganz und gar dem typisch Fitzek ist.

Fazit:

Wo Fitzek draufsteht, ist Fitzek drin. Auch in "Der Insasse" bleibt der Autor seinem gewohnten Schema und Erfolgsrezept treu und liefert uns einen fesselnden Psychothriller, der dieses Mal in einer psychiatrischen Institution für straffällige Patient*innen spielt. Der Plot ist, wie man es von Fitzek kennt, stellenweise haarsträubend und absurd, doch der packende Schreibstil des Autors macht es einem schwer, das Buch aus der Hand zu legen, so dass ich das Buch innerhalb eines Tages verschlungen habe. Den Plot darf man nicht zu sehr hinterfragen, denn sonst wird man auf viele Ungereimtheiten stossen, die einem den Lesespass nehmen. Am besten lässt man sich einfach von dem spannenden Thriller berieseln, ohne grosse Fragen zu stellen. Von mir gibt es für dieses Buch 3.5 Sterne.
6 Kommentare
(© Amazon / Droemer Knaur Verlag)

Die stumme Patientin*
von Alex Michaelides

Bewertung: ★★☆☆☆

Thriller, 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 02. Mai 2019
Verlag: Droemer Knaur


*Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag.

Inhaltsangabe:
Blutüberströmt hat man die Malerin Alicia Berenson neben ihrem geliebten Ehemann gefunden – dem sie fünf Mal in den Kopf geschossen hat. Seit sieben Jahren sitzt die Malerin nun in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Und schweigt. Kein Wort hat sie seit der Nacht des Mordes verloren, lediglich ein Bild gemalt: Es zeigt sie selbst als Alkestis, die in der griechischen Mythologie ihr Leben gibt, um ihren Mann vor dem Tod zu bewahren. Fasziniert von ihrem Fall, setzt der forensische Psychiater Theo Faber alles daran, Alicia zum Sprechen zu bringen. Doch will der Psychiater wirklich nur herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist? (© Amazon / Droemer Knaur Verlag)

Meine Meinung:

"Die stumme Patientin" ist ein weiteres Buch, auf das ich durch zahlreiche positive Bewertungen auf Goodreads aufmerksam geworden bin. Ich hatte dadurch hohe Erwartungen an den Psychothriller, der von vielen Leser*innen so gelobt wurde. Mir erging es da leider ganz anders. Doch fangen wir ganz von vorne an:

Im Fokus der Geschichte stehen zwei Personen. Auf der einen Seite haben wir Alicia Berenson, die ihren Ehemann kaltblütig ermordet hat, seither kein Wort mehr von sich gibt und nun in einer geschlossen forensischen Psychiatrie behandelt wird. Auf der anderen Seite haben wir den forensischen Psychiater Theo Faber, der durch den Medienhype über den Mordfall erfahren hat und seither ein ganz besonderes Interesse am Fall von Alicia Berenson hat. Zunächst konnte er den Fall nur aus der Weite beobachten, doch wie durch Zufall (oder durch total konstruierte, nicht näher erläuterte Umstände des Autors) wird ausgerechnet in der Psychatrie eine Stelle als forensischer Psychiater frei, so dass Theo die Gelegenheit beim Schopf packt, um Alicia näher zu kommen. Sein Ziel ist es sie zum Sprechen zu bringen – und dazu ist im nahezu jedes Mittel recht. In zahlreichen Einzelsitzungen und eigener Detektivarbeit versucht er mehr über Alicia herauszufinden.

An dieser Stelle muss ich als erstes betonen, dass mich das Buch aufgrund meines Berufes als Psychologin auf ganz persönliche Weise getriggert hat und meine Bewertungen durch das absurde, realitätsfremde Bild eines Psychiaters und dessen Arbeit resp. einer psychiatrischen Institution sehr negativ beeinflusst wurde. Allein dieses kurze Umreissen des Inhalts reicht eigentlich schon, um meine durchwachsene Bewertung zu begründen, denn einfach alles was in diesem Buch passiert, ist aus psychotherapeutischer Sicht sehr bedenklich und unprofessionell. Bereits auf Seite 24 hätte ich das Buch am liebsten schon abgebrochen, als Theo Faber auf die Frage, weshalb er denn Psychotherapeut werden wollte antwortet - Zitat: "[...]Ich war darauf aus, mir selbst zu helfen. Ich glaube, das gilt für die meisten Menschen, die sich mit der geistigen Gesundheit anderer befassen. Wir fühlen uns zu diesem speziellen Beruf hingezogen, weil wir beschädigt sind - wir studieren Psychologie, um uns selbst zu heilen. Ob wir bereit sind, das zuzugeben, ist eine andere Frage." Wie bitte was?! Zum einen studieren Psychiater nicht Psychologie, sondern Medizin und zum anderen habe ich mit dieser Aussage so Mühe, weil sie natürlich schlichtweg falsch und unethisch ist, und ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, ob der Autor, der selbst Psychologie studiert hat, wirklich so denkt. Wäre es bei diesem einen Satz geblieben, dann hätte ich Fiktion noch gut von Realität unterscheiden können, aber leider zieht sich diese selten dämliche Einstellung von Theo Faber durch das ganze Buch hindurch.
Seine Anstellung in der Psychiatrie fand ich schon fragwürdig, aber alles was er danach im Rahmen seiner Arbeit als Psychiater tut, fand ich noch viel bedenklicher und ich habe mich mehrfach an den Kopf gefasst und mich darüber gewundert, weshalb zur Hölle kein einziger Mensch in dieser Psychiatrie merkt, wie fahrlässig Faber eigentlich arbeitet. Es handelt sich nicht um ein offenes, ambulantes Setting, sondern um eine geschlossene forensische Psychiatrie, in der straffällige und psychisch Kranke Menschen behandelt werden, und dennoch kann da scheinbar jeder Therapeut tun und lassen, was er will. Dass Theo Faber unübersehbar mehrfach seine professionelle Grenze als Psychiater überschreitet, scheint kein Schwein zu interessieren. Und das ist einfach nur lächerlich. Der Autor behauptet selbst Psychologie studiert zu haben und zwei Jahre im Beruf als Psychotherapeut tätig gewesen zu sein und dennoch zeichnet er ein Bild eines psychiatrischen Alltags, das immer gerade so angepasst wird, dass es zum Fortlauf seiner Geschichte passt. Dass nichts davon der Realität entspricht, scheint ihn nicht zu interessieren.
Es war aber nicht nur Faber selbst, den ich unprofessionell gefunden habe, sondern auch das gesamte restliche Team. An einer Stelle möchte Faber Alicia zu einer privaten Kunsttherapie-Stunde überreden und holt sich die Erlaubnis bei der Kunsttherapeutin dafür ein. Die ist aber so gar nicht gut auf Alicia zu sprechen und äussert sich sehr abwertend und respektlos über die Patientin - etwas, für das sie in der Realität schnell einmal ihren Job losgeworden wäre. Doch in der forensischen Psychiatrie, die der Autor sich hier zusammengeschustert hat, darf man scheinbar alles. Das Ganze geht soweit, dass die Kunsttherapeutin Alicia (in deren Abwesenheit) sogar "Miststück" nennt. Das schlimmste daran ist, dass gar nichts zwischen den beiden vorgefallen ist. Der einzige Beweggrund der Kunsttherapeutin so über ihre Patientin zu sprechen war scheinbar einfach die Annahme, dass Alicia (die selbst Künstlerin wäre) arrogant ist. Wer sich so (ab-)wertend über Patienten äussert, der hat meiner Meinung nach in einem therapeutischen Beruf nichts zu suchen. Aber hier wird das Verhalten scheinbar einfach so toleriert.

Ich könnte an dieser Stelle noch etliche weitere Beispiele nennen, aber ich denke, mein Hauptkritikpunkt ist klar geworden. Leider zieht das unprofessionelle Verhalten auch ausserhalb der Psychiatrie seine  Kreise, und neben Faber gibt es einen weiteren Psychiater, der in der Vergangenheit mit Alicia in Kontakt gekommen ist und sie illegaler Weise privat behandelt hat, weil ihr mittlerweile verstorbener Ex-Mann das als Gefallen von seinem befreundeten Psychiater gefordert hatte. Zumindest wurde hierbei im Buch adressiert, dass dieses Vorgehen nicht legal ist, aber von ethisch korrekter Behandlung konnte hier sowieso keine Rede sein, denn der besagte Psychiater hat Alicia bloss vorgeschrieben, was sie zu tun und zu lassen hat und dabei seinen Beruf um Längen verfehlt.
Und wenn wir gerade bei Grenzüberschreitungen sind: Fabers Fehlverhalten bezieht sich nicht nur auf das Psychiatriesetting, denn neben der angeblichen Psychotherapie, die er mit Alicia macht, fängt er relativ rasch damit an, in ihrem Privatleben als Hobbydetektiv herumzuschnüffeln. Er kontaktiert nahezu jede Person in Alicias Umfeld, um mehr über sie zu erfahren. Und obwohl er damit mehreren Charakteren zu nahe tritt, scheint sich auch hier kein Mensch darüber zu wundern, weshalb ein Psychiater ohne Erlaubnis seiner Patientin Kontakt mit deren Umfeld aufnimmt und ungefragt in ihrem Privatleben herumstochert und dabei Fragen stellt, die weit über die eines Psychiaters hinausgehen.

Was zu allem Übel dazu kommt, ist ausserdem noch der Umstand, dass der Autor für das Buch schlecht recherchiert hat. Es wird ständig wie wild mit irgendwelchen Diagnosen umhergeworfen, da wird gefühlt jeder als "narzisstisch" oder "Narzisst" bezeichnet (ohne entsprechende Symptome dieser Persönlichkeitsstörung zu zeigen) und im weiteren Verlauf dann gleich noch verschiedene Diagnosen miteinander vermischt. An einer Stelle wird über Alicia gesagt, dass sie eine Boderline Persönlichkeitsstörung hat, deshalb psychotisch war und obendrauf wird ihr dann auch noch die besagte narzisstische Persönlichkeitsstörung aufgedrückt. Würde irgendein Hobby-Küchenpsychologe über Alicia so sprechen, dann könnte ich das ja noch nachvollziehen, dass man keine Ahnung von Diagnostik hat, aber hier wurde mir als Leserin weiss gemacht, dass die Diagnosen von waschechten Psychiatern stammen, die eigentlich wissen sollten, wovon sie reden.

Ja, wie man merkt, nagle ich das Buch sehr an psychologischen und psychiatrischen Umgereimtheiten fest, aber genau so erging es mir beim Lesen auch. Ich konnte mich gar nicht auf die eigentliche Geschichte einlassen, weil das Buch so viele (Logik-)Fehler enthielt. Das Ende konnte mich ein klein wenig versöhnlicher stimmen, weil der Autor die Auflösung immerhin so gestaltet hat, dass ein Charakter nicht ganz der ist, der er vorzugeben scheint, aber es war nicht so, als wäre ein grosses Aha-Erlebnis passiert, dass alles plötzlich Sinn ergeben hätte. Im Buch wirkt einfach zu vieles zu konstruiert und unglaubhaft, was für mich für ein Buch, das als "Psychothriller" verkauft wird, einfach ein No-Go ist.

Fazit:

"Die stumme Patientin" ist ein angeblicher Psychothriller, der leider eine ganze Masse an Ungereimtheiten aufweist und schlecht recherchiert wurde. Wer wissen will, wie es in einer (forensischen) Psychiatrie NICHT läuft und wie Psychiater und Psychotherapeuten NICHT arbeiten (sollten), der ist hier richtig. Alle die auf einen logischen oder spannenden Thriller hoffen, muss ich enttäuschen. Die Ereignisse wirken allesamt sehr konstruiert und unglaubhaft und dadurch einfach nur realitätsfremd - also alles Dinge, die ich in einem guten Thriller NICHT suche. Von mir gibt es für diesen Thriller, der mich aufgrund meines Berufes persönliches getriggert hat, 2 Sterne.
Keine Kommentare
(© Amazon / Knaur Verlag)

Der Nachtwandler
von Sebastian Fitzek

Bewertung: ★★★☆☆

Thriller, 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 03. April 2013
Verlag: Knaur


Inhaltsangabe:
In seiner Jugend litt Leon Nader an Schlafstörungen. Als Schlafwandler wurde er während seiner nächtlichen Ausflüge sogar gewalttätig und deswegen psychiatrisch behandelt. Eigentlich glaubte er geheilt zu sein - doch eines Tages, Jahre später, verschwindet Leons Frau unter unerklärlichen Umständen aus der gemeinsamen Wohnung. Ist seine Krankheit etwa wieder ausgebrochen? Um zu erfahren, wie er sich im Schlaf verhält, befestigt Leon eine bewegungsaktive Kamera an seiner Stirn – und als er am nächsten Morgen das Video ansieht, macht er eine Entdeckung, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengt: Sein nächtliches Ich steigt durch eine ihm völlig unbekannte Tür hinab in die Dunkelheit … (© Amazon / Knaur Verlag)

Meine Meinung:

Fangen wir mit dem Positiven an: Fitzek weiss einfach wie man packende Thriller schreibt. Selten konnte mich ein anderer Autor des Genres so fesseln, wie es Fitzek jedes Mal aufs Neue gelingt. Egal wie meine Endbewertung bisher ausgefallen ist, jedes seiner Bücher konnte ich bislang kaum aus der Hand legen. Fitzek hat ein perfektes Gespür für das richtige Tempo, in keinem seiner Thriller gab es für mich bisher Längen, die sich zäh angefühlt haben. Und das spricht definitiv für sein Schreibtalent! Kurzum: Ich lese seine Bücher einfach verdammt gerne, weil sie Spass machen, kurzweilig sind und mich zu unterhalten wissen.

Jetzt folgt aber das grosse Aber: Wie ich bei fast jedem seiner bisher von ihm gelesenen Thrillern als Kritik angebracht habe, konnte mich auch bei "Der Nachtwandler" leider die Auflösung überhaupt nicht überzeugen. Ich möchte dieses Mal gar nicht so weit ausholen, weil ich die Rezension Spoiler frei halten will, aber auch in diesem Buch hatte ich das Gefühl, dass Erklärung am Ende sehr weit hergeholt war und dadurch hat sie auf mich unglaubhaft gewirkt. Neu war, dass ich bei diesem Buch zum ersten Mal Mühe hatte, das Ende überhaupt vollständig zu verstehen und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich so richtig begriffen habe, was die Begründung für Leons Erlebnisse angeht. Auf der anderen Seite hat Fitzek aber vermutlich auch genau das versucht: Er wollte den Leser in die Irre führen, so dass man nicht sicher ist, ob das, was man gerade liest, auch tatsächlich passiert oder ob Leon gerade schlafwandelt. Das ist grundsätzlich auch eine sehr lobenswerte Vorgehensweise, die die Spannung aufrechterhält, und dennoch hat die Auflösung für mich letztendlich nicht so viel Licht ins Dunkel gebracht, wie ich es mir bei einem guten Thriller gewünscht hätte. Eine überraschender "Aha"-Effekt, bei dem plötzlich alles Sinn gemacht hätte, blieb bei mir - wie so oft bei Fitzeks Thrillern - leider aus. Und genau deshalb musste ich dem Buch am Ende einen (weiteren) Stern abziehen. Ansonsten hätte das Buch 4 Sterne verdient.

Fazit:

"Der Nachtwandler" ist ein typischer Thriller von Fitzek, in dem er einmal mehr mit einem packenden Schreibstil glänzt, der mich das Buch nicht mehr aus der Hand hat legen lassen. Trotz spannendem Plot, hat mich die Auflösung am Ende leider nicht überzeugt. Statt Klarheit zu schaffen, hat der Schlussteil in meinen Augen mehr Fragen aufgeworfen, anstatt sie zu beantworten. Trotzdem kann ich das Buch jedem weiterempfehlen, der auf spannende Psychothriller steht, bei dem die Seiten nur so dahinfliegen - man sollte sich nur nicht zu viel vom Ende erhoffen.
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Schweizerin. Liebt Bücher. Bevorzugte Genres: Young Adult, (Urban) Fantasy, Dystopia, Thriller, (Historical) Fiction.

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2023 Reading Challenge

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