[Rezension] Die Mitternachtsbibliothek

by - April 02, 2021

(© Argon Verlag)

Die Mitternachtsbibliothek*
von Matt Haig
Gelesen von Annette Frier

Bewertung: ★★★★★

Contemporary Fiction, Magical Realism, Audiobook 
Spieldauer:  6 Stunden 44 Minuten
Erscheinungsdatum: 01. Februar 2021

Verlag: Argon

* Gehört auf audioteka.com/de [Werbung]. Das erste Hörbuch ist gratis.

Inhaltsangabe:
Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können. Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?

Meine Meinung:

Das Buch hat einen sehr ernsten und dramatischen Einstieg, denn just, nachdem wir Protagonistin Nora kennenlernen, versucht sie ihr Leben zu beenden und landet dadurch in der Mitternachtsbibliothek, in der ihr die Chance gewährt wird, einen Einblick in Bücher zu bekommen, die ihr aufzeigen, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie in der Vergangenheit andere Entscheidungen getroffen hätte. Und dadurch erhält sie die Möglichkeit, endlich Antworten auf die von vielen Menschen häufig gestellte Frage "Was wäre, wenn..." zu erhalten.

Bereits ab diesem Punkt hatte mich Haig mit seiner wundervollen Ideen voll und ganz gepackt, denn ich denke alle von uns, haben sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie bestimmte Dinge anders gemacht hätten. Und genau mit diesem Thema befasst sich dieses Buch. Wir begleiten Nora dabei, wie sie in verschiedene Verläufe ihres Lebens abtaucht und herausfindet, wie es ihr jetzt ergehen würde, wenn sie damals beispielsweise in ihrer Band geblieben wäre, sich nicht von ihrem Freund getrennt hätte oder ihre Sportlerkarriere ehrgeiziger verfolgt hätte. Die Erkenntnis aus diesen Reisen in die Bücher ihres Lebens ist am Ende nahezu jedes Mal ernüchternd, denn Nora muss einsehen, dass eine einzige Entscheidung alleine in den meisten Fällen nicht dazu geführt hätte, dass sie heute glücklicher wäre.

Ich habe gelesen, dass Haig selbst auch an Depressionen leidet und hatte dadurch den Eindruck, dass es ihm sehr gut gelungen ist, den psychischen Leidensdruck von Nora auf authentische Art und Weise darzustellen, der letztendlich auch zu ihrem Suizidversuch geführt hat. Es war beeindruckend, wie sensibel und realitätsgetreu es ihm gelungen ist, das Thema Depression abzubilden. Ich habe Nora wirklich sehr schnell in mein Herz geschlossen und fand es sehr bereichernd, Einblicke in ihre verschiedenen Lebensentwürfe zu bekommen.

Was mich sehr positiv überrascht hat, war der wundervolle Schluss des Buches, der in meinen Augen absolut perfekt gewesen war und das Fazit aus Noras Erfahrungen mit der Mitternachtsbibliothek perfekt abgerundet und zusammengefasst hat. Ich hatte die Befürchtung, dass wir mit einer pseudophilosophischen Weisheit abgefertigt werden, aber stattdessen fand ich die Noras Erkenntnis am Ende des Buches einfach wunderschön. Die Botschaft vermittelt Hoffnung, ohne den Anspruch zu haben, dass Depressionen damit wie weggeblasen sind - denn so einfach ist das leider nicht. Und ich fand es gut, dass Haig das Ende deshalb auch nicht unrealistisch kitschig gestaltet hat. Ein wirklich gelungener, runder Abschluss für eine wundervolle Reise in Noras Leben.

Annette Frier als Sprecherin hat mir auch sehr gut gefallen. Ich kannte sie bisher nur als Comedian und war überrascht, welche angenehme Stimme und Erzählweise sie hat. Für mich war sie die perfekte Wahl, um Noras Geschichte zu erzählen.

Fazit:

Die Mitternachtsbibliothek war für mich eines meiner Jahreshighlights. Das Buch setzt sich mit der grossen Frage: "Was wäre, wenn..." auseinander und lässt uns daran teilhaben, wie Protagonistin Nora genau diese Frage beantwortet bekommt, nachdem sie den Versuch unternommen hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Eine wundervolle Idee, die gut umgesetzt wurde und einen zum Nachdenken anregt. Das Buch wird mit einer wundervollen und hoffnungsvollen Erkenntnis der Protagonistin abgeschlossen, die die Geschichte für mich perfekt abgerundet hat. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung und 5 Sterne für diese magische Reise in die Mitternachtsbibliothek.

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8 Kommentare

  1. Hallo liebe Mel,

    ich habe mich erst vor wenigen Tagen mit einer Freundin über dieses Buch unterhalten. Sie hat es sich kürzlich zugelegt und möchte es jetzt lesen. Von Matt Haig habe ich bislang ein Buch gelesen, das mir sehr gefallen hat. Daher hatte ich sein neues Werk auch schon im Blick.

    Das, was du schreibst, klingt sehr ansprechend. Dass der Autor den Verlauf der Depression sehr glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt hat, macht neugierig auf das Buch. Auch das Thema, die Frage, wie das Leben wohl verlaufen wäre, wenn man im Leben bestimmte Dinge anders gemacht hätte, spricht mich an.

    Das Buch werde ich weiterhin im Blick behalten und es auf die Wunschliste setzen.

    Liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Von Matt Haig habe ich auch schon das eine oder andere Buch gelesen, das hier hat mir bislang aber am besten gefallen. :)

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  2. Hallo meine Liebe

    Das Buch scheint die Geister zu spalten, ich habe schon so viele unterschiedliche Rezensionen dazu gelesen und leider auch einige, die nicht so begeistert waren, wie deine.
    Vorerst habe ich mich dazu entschieden, mir das Buch nicht zu kaufen, sondern meine Augen beim Stöbern in gebrauchten Büchern und offenen Bücherschränken danach offen zu halten. Dann kann ich es immer noch zurücklegen, wenn es mir nicht entspricht ;-)

    Alles Liebe an dich
    Livia

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    1. Oh echt? Die Rezensionen, die ich dazu gelesen habe, sind fast allesamt positiv ausgefallen. Was kritisieren die Leute denn, die das Buch nicht so toll fanden?

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  3. Hi Mel,

    meine Rezension ist auch positiv ausgefallen (mit 4 Sternen), aber ich hatte so kleine Punkte, die mich etwas gestört haben.
    Das Thema Depression ist für mich zum Beispiel hier sehr "leicht genommen" worden. Das ist natürlich ein persönlicher Eindruck von mir, sowas kann man schlecht verallgemeinern. Ich denke auch, dass es so beabsichtigt war, also dass es den Leser nicht runterziehen soll, diese Geschichte, sondern aufbauen.
    An sich ist ihm das auch gelungen und ich finde die Umsetzung zur Thematik auch wirklich klasse gemacht.

    Dass es so "einfach" ist, über seine Probleme hinwegzukommen, wenn man das Problem erkennt, ist es aber nicht. Ich weiß, wie er es gemeint hat, aber da Depressionen so viele verschiedene Ursachen und Auswirkungen haben und unterschiedlich wahrgenommen werden - auch wenn man natürlich auf einige grundlegende Symptome kommt die ähnlich sind, ist es schwierig. Für mich war es teilweise jedenfalls schwierig, mit allem was er da gesagt hat, mitzugehen.

    Dennoch find ich es gelungen, als unterhaltende Geschichte mit Tiefgang.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Ja, wenn man ganz genau hinschaut, dann findet man sicher einige Kritikpunkte. Ich arbeite ja tagtäglich mit depressiven Patient:innen, vielleicht hat es mir deshalb gefallen, dass hier das Fazit eher Hoffnung vermittelt. Die Botschaft am Ende war ja auch nicht, dass ab jetzt alles gut wird, sondern die Protagonistin durch die Einblicke in ihre andere Lebensentwürfe neue Hoffnung schöpft, an sich und ihrer Depression zu arbeiten i. S. davon, sich zu entscheiden, am Leben zu bleiben und nicht aufzugeben - trotz Depression. Das fand ich irgendwie schön. Was das Fazit gewesen wäre "und die Depression ist wie durch Magie verflogen, und sie lebte glücklich bis ans Ende ihrer Tage", dann hätte ich es auch für "zu leicht genommen".

      Ich kann deinen Kritikpunkt also verstehen (und durch meine Arbeit weiss ich, dass Depressionen nicht einfach verfliegen), aber ich hatte nicht den Eindruck, dass Haig hier vermittelt, dass man "so einfach" über seine Probleme hinweg kommt und die Protagonistin am Ende geheilt und glücklich ist. Nur, dass sie noch nicht aufgibt, selbst wenn sie weiss, dass es schwierig wird. Aber das kann man sicher unterschiedlich interpretieren. (Ich hatte auch die gekürzte Version gehört, wer weiss, ob da etwas weggestrichen wurde, das du im Buch gelesen hast).

      Aber schön, dass es dir trotz allem gefallen hat. :)

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    2. Ich hatte in meiner Rezi was zitiert:

      "Es ist leicht, um die möglichen Lebensvarianten zu trauern, die wir nicht leben. Es ist leicht, sich zu wünschen, man hätte andere Begabungen entwickelt, andere Angebote angenommen. Leicht, sich zu wünschen, man hätte härter gearbeitet, inniger geliebt, seine Finanzen klüger gemanagt, wäre beliebter gewesen [...]"

      Der Absatz hat sich irgendwie für mich wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt. Auch wenn ich weiß, wie er es gemeint hat, hab ich es für mich einfach anders verstanden. Denn was er hier schreibt ist eben nicht! leicht.
      Wie gesagt, ich weiß, was er damit sagen will, dennoch hat es für mich in dem Moment nicht funktioniert, denn an diesen Problemen/Fragen kann man ganz schön lange knabbern.

      Da spielt halt viel die eigene Empfindung/Erfahrung mit und deshalb wirkt es auch unterschiedlich. Ist ja bei allem so ;)

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    3. Danke für deine Ausführungen! Ich kann verstehen, dass man bestimmte Aussagen aufgrund persönlicher Erfahrungen anders aufnehmen kann und es für dich verletzend sein kann. Den von dir zitierten Abschnitt interpretiere ich tatsächlich ganz anders als du, wobei ich dir zustimme, dass das Wort "leicht" nicht eine ganz treffende Wahl ist - aber wer weiss, ob das vielleicht auch bei der Übersetzung passiert ist?
      Auf jeden Fall kann ich deine persönlichen Gefühle verstehen, auch wenn ich die Kernbotschaft selbst aufgrund anderer Erfahrungen ganz anders interpretiere. Aber das ist ja auch das Interessante am Lesen von Büchern. Und wichtig ist ja auch, dass du für dich verstehen kannst, warum der Absatz bei dir dieses Gefühl auslöst, das ist ja die Hauptsache. :)

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