[Rezension] Bergleuchten

by - März 24, 2024

(© Aufbau Audio)

Bergleuchten*
von Karin Seemayer
Gelesen von Sophie Hutter

Bewertung: ★★★☆☆

Historical Fiction, Audiobook
Spieldauer: 12 Stunden und 36 Minuten
Erscheinungsdatum: 19. Juni 2023
Verlag: Aufbau Audio


*Rezensionsexemplar von Netgalley. Vielen Dank an den Aufbau Audio Verlag.

Inhaltsangabe:
Im Jahr 1872 beginnt der Bau des Gotthardtunnels. Fuhrhalter Franz Herger aus Göschenen erklärt sich bereit, Baumaterialien zu transportieren, obwohl der Tunnelbau die Existenz der Fuhrleute gefährdet. Zu den Bergarbeitern aus Italien, denen man nicht freundlich gesinnt ist, gehört der Mineur Piero. Er mietet sich auf dem Hof der Hergers ein und verliebt sich in Tochter Helene. Doch die Beziehung wird von Helenes Eltern und den Dorfbewohnern nicht gebilligt und nimmt einen tragischen Verlauf.

Meine Meinung:

Ich muss vorab zugeben, dass ich vermutlich nie zu diesem Hörbuch gegriffen hätte, wenn ich nicht selbst aus der Schweiz kommen würde und die Handlung an einem Ort spielt, der mir bekannt ist. Ohne diesen Umstand, hätte mich die Inhaltsangabe vermutlich nicht genügend angesprochen, dass mich für die Geschichte interessiert hätte - auch deshalb, weil ich sonst andere Genres lese.

Das Buch spielt im 19. Jahrhundert in dem kleinen Bergdorf Göschenen, in dem der Bau des heute sehr bekannten Gotthardtunnels angekündigt und durchgeführt wird. Dies jedoch sehr zum Ärger der Dorfbewohner:innen, die gegen eine so grosse Veränderung ihres angestammten Heimatdorfes sind. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass einige der Bewohner als sogenannte Fuhrmänner tätig sind und Lieferungen über den Gotthardpass machen. Dieses Angebot wird jedoch nicht mehr benötigt, wenn der Tunnel fertiggestellt ist, sodass sie um ihren Job fürchten.
Der Widerstand der traditionellen Schweizer führt schliesslich dazu, dass sie auch den neuen Mineuren, die zum grossen Teil aus Italien stammen, eher feindselig gegenüber gestellt sind. Man will weder den Tunnel, noch die Leute, die diesen Tunnel bauen. Doch der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten und so müssen sich die Göschener wohl oder übel mit der neuen Situation arrangieren...

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Tunnelbau und dem Unmut, der dies vor allem bei Fuhrhalter Franz auslöst und wie er damit umgeht. Abgesehen davon, bleibt die erste Buchhälfte eher ohne grosse Ereignisse.
Ab der Mitte des Buches wandelt sich die Handlung dann in eine Liebesgeschichte zwischen Franz' Tochter Helene und dem italienischstämmigen Mineur Piero. Aufgrund der Feindseligkeit, der die Göschener gegenüber den Italienern haben, halten Helene und Piero ihre aufkeimende Liebe geheim, bis es zu einer verhängnisvollen Liebesnacht zwischen den beiden kommt, deren Konsequenzen sich nicht länger geheim halten lässt: Helene ist schwanger.
Die Ereignisse überschlagen sich daraufhin und während Piero vorübergehend aus dem Land flüchten muss, muss sich Helene überlegen, wie sie ihre Ehre als nicht verheiratete, schwangere Frau retten kann, damit ihr nicht das Kind weggenommen wird, wie es einer anderen Dorfbewohnerin passiert ist...

Ich war anfangs etwas erstaunt darüber, dass die Story eine Wendung in eine ziemlich klischeehafte Liebesgeschichte durchmacht, denn dadurch ist das Thema rund um den Gotthardtunnel fast gänzlich in den Hintergrund gerückt worden, was ich nicht erwartet hätte. Obwohl diese verbotene Liebe schon sehr kitschig war, war ich doch etwas neugierig, wie das Schicksal der beiden Turteltäubchen ausgehen würde - und das geschieht auf sehr auf konstruierte Art und Weise.
Etwas schade fand ich, dass der Tunnelbau eigentlich gar keine wesentliche Rolle eingenommen hat, nachdem einige Göschener anfangs sehr dagegen waren. Aber eigentlich diente dieser Hintergrund wohl nur dazu, dass sich Helene und Piero kennenlernen konnten - mehr nicht.

Die Erzählerin, Sandra Hutter hat mir ganz gut gefallen, da sie die Dialoge der Schweizer Charaktere in einem Schweizer Hochdeutsch spricht, das dem Ganzen mehr Authentizität verliehen hat.
Die Charaktere dagegen waren mir fast alle eher unsympathisch, denn sie haben sich irgendwie alle gleich angefühlt: Distanziert und griesgrämig. Ich weiss allerdings nicht genau, ob das an der Buchvorlage lag und die einzelnen Personen einfach zu wenig ausgearbeitet worden sind, oder ob es an der Sprecherin lag, die alle Charaktere beim Vorlesen ähnlich miesepetrig hat wirken lassen. Aber so richtig ans Herz gewachsen ist mir bis zum Schluss bedauerlicherweise keine der Personen aus dem Buch.

Fazit:

Bergleuchten war eine interessante Lese- bzw. Hörerfahrung für mich, da ich selten Bücher aus diesem Genre lese. Etwas schade fand ich, dass der Bau des Gotthardtunnels letztendlich nur eine ungeordnete Rolle spielt und viel eher die Geschichte einer verbotenen Liebe erzählt wird, die ziemlich konstruiert und klischeehaft verläuft. Da hat die Inhaltsangabe bei mir zu etwas falschen Erwartungen gefühlt. Alles in allem war es aber eine kurzweilige Erzählung, die man sich nebenbei her mal anhören kann. Drei durchschnittliche Sterne gibt es deshalb von mir.

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4 Kommentare

  1. Schönen guten Morgen!

    Das ist ein Buch, das auch nicht richtig in mein übliches Beuteschema passt - allerdings hat mich der Titel und das Cover irgendwie angesprochen und ich probiere ja auch immer gerne mal was aus :)
    Den Klappentext hatte ich bisher noch gar nicht gelesen und wirklich interessant klang er jetzt auch nicht für mich, hab aber jetzt gehofft, dass hier doch eine besondere Geschichte dahinter steckt.
    Dass es sich hier eher in die Richtung "Romeo und Julia" wandelt hätte ich auch überhaupt nicht erwartet und spricht mich jetzt leider noch weniger an. Liebesgeschichten lese ich ja auch grundsätzlich nicht und wenn das hier so in den Fokus gerückt wird, ist die Geschichte wohl doch nichts für mich.

    Vielen Dank für deine Einblicke!

    Ich wünsch dir ein schönes Osterwochenende!
    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Lustig, dass du das Stichwort "Romeo und Julia" erwähnst, ich wollte die Liebesgeschichte tatsächlich zuerst genau so beschreiben, weil sie mich sehr an das berühmte Werk erinnert hat. Aber ja, ich glaube, wenn ich von Anfang gewusst hätte, dass das eher eine kitschige Chick-Lit wird, hätte ich wohl trotz des Schauplatzes auch nicht zum Buch gegriffen. Also wenn das Buch nichts für dich ist, kann ich es total verstehen. :D

      Ich wünsche dir auch schöne Ostern! :)

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  2. Hallo liebe Mel,
    ich schließe mich an: Auch mich hat Klappentext und Genre jetzt nicht gleich angesprochen. Eben weil diese Geschichte nicht in mein bevorzugtes Leseschema hineinpasst. Allerdings fand ich es umso spannender deine Rezension zum Buch zu lesen, eben weil es mal was anderes ist. Ich weiß jetzt nicht, ob ich selbst mit großem Interesse die Tunnelgeschichte verfolgt hätte, hätte ich das Buch gelesen. In der Zusammenfassung klingt es allerdings interessant. Die griesgrämigen Bewohner passen, meines Erachtens, zur Geschichte. Allerdings ist mir eine Figurenbindung beim Lesen auch immer sehr wichtig. Dass diese hier nur schwer aufzubauen ist, kann ich nachvollziehen.

    Ich kann verstehen, dass dich die Wendung der Geschichte überrascht hat. Ich denke, ich hätte eine Liebesgeschichte - von meinem Lesegeschmack her - willkommen geheißen. Ich kann nachvollziehen, dass Lesern mit anderen Lesevorlieben, diese Überraschung hier vielleicht so gar nicht gefallen hätte, gerade, weil sie dann auch noch einen großen Part einnimmt.

    Ich danke dir für den interessanten Einblick ins Buch.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. Also gegen Romantik habe ich in Büchern grundsätzlich auch nichts, aber hier hat mir die Liebesgeschichte tatsächlich zu viel Raum eingenommen, vor allem, weil das Drama um diese vermeintlich "verbotene" Liebe schon sehr konstruiert gewirkt hat. Und das Ende war dann echt nur noch kitschig... :D

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