[Rezension] Frankenstein

by - Juni 23, 2019

(© BUCHFUNK Verlag)

Frankenstein
von Mary Shelley
Gelesen von Thomas Dehler & Patrick Imhof

Bewertung: ★★★★☆

Classics, Audiobook
Spieldauer: 7 Stunden 39 Minuten
Erscheinungsdatum: 24. März 2017
Verlag: BUCHFUNK Verlag


Inhaltsangabe:
Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft.
(© BUCHFUNK Verlag)

Meine Meinung:

"Frankenstein" habe ich im Zuge einer Leserunde als Hörbuch gehört. Die Hauptmotivation für das Buch war wieder einmal mein Scratch-Off-Poster, für das man 100 Bücher lesen soll und sie nach und nach auf einem Post frei rubbeln kann, sobald sie gelesen sind.

Über das Buch habe ich mich vorgängig fast gar nicht informiert. Natürlich war mir "Frankenstein" bzw. vor allem sein Monster bereits durch zahlreiche Anspielungen in Filmen und Serien ein Begriff und ich hatte dadurch ein grobes Bild vor Augen, was dieses Wesen anging. Zudem wurde Shelleys Buch als der (oder einer der?) Ursprünge des Horror-Genres angepriesen, was sich wiederum mit meiner anfänglichen Vorstellung der Geschichte gedeckt hatte.

Das Buch war dann aber ganz und gar nicht so, wie ich es mir ausgemalt habe - was in diesem Fall aber überhaupt nicht negativ gemeint ist. Die Geschichte beginnt zunächst mit einem unabhängigen Charakter, der sich auf eine Schiffsreise begibt und Briefe an seine Schwester schreibt. Gerade als ich mich allmählich darüber gewundert habe, ob ich vielleicht nicht doch das falsche Buch höre, trifft der Schiffsfahrende auf einen Gestrandeten, der sich als Victor Frankenstein zu erkennen gibt. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte über Frankenstein, der im späteren Verlauf sein berühmtes Monster schafft, das jedoch so schrecklich aussieht, dass Frankenstein schnell einmal das Interesse an ihm verliert. Das Monster flüchtet kurze Zeit später aus dem Labor, in dem es geschaffen wurde und erlebt - wie man später als Leser*in erfährt - seine ganz eigenes Abenteuer. Es dauert jedoch längere Zeit, bis Frankenstein durch einen unglücklichen Schicksalsschlag in seiner Familie wieder auf den Unhold trifft, so dass ich nach und nach realisiert habe, dass es im Buch tatsächlich mehr um Frankenstein, als um sein Monster geht. (Hier eine Notiz am Rande: Frankensteins Monster wird ja auch oft fälschlicherweise als Frankenstein bezeichnet, obwohl es der Name seines Schöpfers ist. Das Monster selbst besitzt gar keinen Rufnamen).
Beim Zusammentreffen von Frankenstein und seinem Wesen erfährt nicht nur der Protagonist, sondern auch die Leserschaft, dass sich das Monster zu einem denk- und sprachfähigen Wesen entwickelt hat. Und das gibt ihm Gelegenheit, Frankenstein von seinen Erlebnissen zu berichten, bis zu dem Punkt, an dem die Geschichte des Wesens mit dem Schicksalsschlag in Frankensteins Familie verknüpft wird.

An dieser Stelle möchte ich nicht mehr verraten, allerdings sei nur so viel verraten: Ich war überrascht, wie menschlich Frankensteins erschaffenes Wesen eigentlich ist und hätte das bei all den Darstellungen in Filmen und Serien nie so erwartet. Shelley liefert im Buch aber auch eine sehr ausführliche und gleichzeitige tragische Erläuterung, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass das Wesen menschenähnlich werden konnte. Und was soll ich sagen: Was es erlebt hat, hat bei mir kurzzeitig Mitgefühl ausgelöst. Die Botschaft an dieser Stelle wäre wohl jene, dass Äusserlichkeiten, nichts mit dem Innern - also dem Charakter - eines Wesens zu tun haben müssen. Aber leider neigen Menschen scheinbar dazu, dies gleichzusetzen und sehen hinter Frankensteins Wesen das Ungeheuer, das es mit seinem Aussehen repräsentiert.

Kritikpunkte an das Buch habe ich nur ein paar wenige. Schade fand ich, dass das Buch so gar nicht Horrormässig oder gruselig war, wie es vorgängig betitelt wurde. Eigentlich könnte das Buch problemlos als Realistic Fiction durchgehen. Ausserdem fand ich den Schreibstil manchmal etwas zu ausschweifend. Was mich auch gestört hat, aber das ist keine Kritik am Buch, war Frankensteins Charakter. Er stellt sich mehrfach als Opfer aller Umstände hin und sieht beinahe hilflos zu, wie seine Familie von einer Tragödie in die nächste schlittert, sieht aber nicht, dass er selbst einen grossen Teil zu den Ereignissen beigetragen hätte. Ich fand ihn stellenweise schon ein bisschen naiv, denn letztendlich hat er selbst die Verantwortung für einige Folgen seines Handelns getragen, auch wenn er selbst das niemals zugegeben hätte. Da waren meine Sympathien meistens schon eher beim Monster und weniger bei Frankenstein. Ein letzter Kritikpunkt betrifft schliesslich noch die teilweise vorhandenen Logiklücken, die vor allem eine Verfolgungsjagd zwischen Frankenstein und seinem Monster angeht. Die wussten scheinbar immer ganz genau, wo sich der jeweils andere befindet – weshalb, war mir schleierhaft und hat für mich den Schlussteil auch ein bisschen unglaubwürdig wirken lassen.

Fazit:

Ein überraschend leicht verständlicher Klassiker, der die Geschichte um Victor Frankenstein und ein Monster, das er erschaffen hat, erzählt. Das Buch befasst sich vor allem mit den tragischen Folgen dieses Experiments, für das Frankenstein die Verantwortung trägt. Ich würde das Buch allerdings nicht dem Horror-Genre zuschreiben (wie es einige tun), sondern eher als realistische Fiktion ansehen. Aufgrund ein paar kleinerer Schwächen kriegt das Buch von mir 4 Sterne.

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